Unternehmensbewertung – Methoden und Begriffe

Neueste Entwicklungen * Ertragswert * Substanzwert * Mittelwert * Stuttgarter Verfahren * Firmenwert * Liquidationswert * Marktwert * Due Diligence

Wieviel ist das Unternehmen wert?

Unternehmensbewertung ist immer vom Anlass abhängig. Dies gilt ganz besonders für kleine und mittlere Unternehmen. Die Beschreibung der Methoden und Begriffe soll einen kurzen, verständlichen Überblick geben. Je nach Anlass und Ziel sind daraus die geeigneten Methoden zu wählen.

Für die Wahl der geeigneten Bewertungs-Methode braucht es langjährige Erfahrung und Fachkompetenz. Insbesondere ist für ein professionelles Gutachten zu belegen, warum eine bestimmte Bewertungsmethode und Vorgangsweise gewählt wurde. Nur so hat eine Unternehmensbewertung fundierten juristischen Bestand.

Grundsätzliches zum Unternehmenswert

Der vollständige Unternehmenswert als gedachter Kaufpreis für ein Unternehmen setzt sich grundsätzlich aus 3 Basis-Komponenten zusammen:

Der objektive Unternehmenswert ist die Wertermittlung aus den messbaren Fakten, wie z.B. den Jahresabschlüssen oder Vermögensgegenständen. Für die Unternehmensbewertung werden in der Regel die letzten 5 Jahresabschlüsse herangezogen und daraus unter anderem Cashflow, Ertragswert, Substanzwert und Firmenwert ermittelt

Der subjektive Unternehmenswert umfasst Faktoren, die nicht direkt messbar, sondern nur bewertbar sind. Das sind z.B. die Einschätzung der Zukunftsaussichten, die Beurteilung der Marktstellung, der Kundenstamm oder die Qualität des Managements.

Der individuelle Unternehmenswert schließlich liegt in der Sicht und Situation des jeweiligen Betrachters. So wird ein Pionier-Unternehmer, der ein Leben lang sein Unternehmen aufgebaut hat, eine andere Wertvorstellung für sein Unternehmen haben, als ein renditeorientierter Investor ohne emotionale Bindung.

Die Übergänge zwischen subjektiver und individueller Bewertung sind fließend und nicht exakt abgrenzbar.

Neueste Entwicklungen in der Unternehmensbewertung

Seit einigen Jahren besteht eine starke Tendenz die Verfahren der Unternehmensbewertung an aktuelle Erfordernisse anzupassen und die Wirtschaftspraxis besser zu berücksichtigen.

Der Beginn kann mit 2006 angesetzt werden.Damals hat das Bundesverfassungsgericht befunden, dass das Stuttgarter Verfahren realitätsfremd ist und nicht geeignet für eine angemessen Bewertung [siehe dazu Problematik Stuttgarter Verfahren…]

2009 trat das Erbschaftssteuerreformgesetz in Kraft. Darin war das Stuttgarter Verfahren durch andere Verfahren ersetzt. Seit einigen Jahren gehen auch Juristen und Behörden dazu über praxisgerechte Methoden zu empfehlen. Zwar gibt es immer noch keinen festgeschriebenen Standard aber immerhin Empfehlungen.

Das Bayerische Landesamt für Steuern hat 2013 immerhin einen „Überblick über branchenspezifische Bewertungsmethoden“ (Download bei IHK München) herausgegeben. Verbindlich ist aber auch dieser Bericht nicht. Immerhin ist dies aber ein Anhaltspunkt der von Juristen, Gerichten und Steuerbehörden dankbar angenommen wird.

„Anspruch dieser Zusammenstellung ist, einen Überblick über die tatsächlich in der Praxis anzutreffenden Methoden zu verschaffen. Solche Methoden fallen nicht vom Himmel, sondern wurden von branchenkundigen Betriebswirten zur Bewältigung von Bewertungsaufgaben entwickelt. ….
….. Es kann daher nicht Sinn einer derartigen Zusammenstellung sein, für das ein oder andere Verfahren Partei zu ergreifen. Es ist Sache der Anwender, die Eignung des angewendeten Verfahrens im konkreten Fall darzulegen. Dies gilt im Besonderen, wenn Modifikationen an bestehenden Verfahren vorgenommen werden.“

Das bedeutet, dass es beim sachverständigen Gutachter liegt, genau darzulegen, warum die jeweils verwendete Bewertungsmethode im vorliegenden Fall zutreffend ist. Die Gerichte folgen in der Regel den Ausführungen des Sachverständigen.

Sehr aktuelle Methoden beziehen auch die Qualität des Unternehmens, wie z.B. die Anzahl der Stammkunden oder die Auftragslage in die Unternehmensbewertung mit ein. Dies tut beispielsweise eine Wertermittlungs-Verfahren für Ingenieur-Büros, das sogenannte „Bürowertanalyse nach Preißing“

Ertragswert

In der Praxis recht gebräuchlich ist die Wertermittlung nach dem Ertragswert-Verfahren. Hierbei wird errechnet, welchen Betrag ein Kapitalanleger investieren müsste, um einen Zinsertrag in Höhe der erwirtschafteten Gewinne zu erzielen. Die klassische Ertragswert-Berechnung berücksichtigt dabei die Erträge der Vergangenheit aus den Bilanzen.

Die DCF-Methode (Discounted Cashflow) berücksichtigt zukünftige Erträge aus einer Planrechnung und zinst diese auf den Betrachtungs-Zeitpunkt ab.

Problematik Ertragswert

KMU-Unternehmen sind fast immer Inhaber-Unternehmen. Die Person des Inhabers ist deshalb ein grundlegender Bestandteil des Unternehmenserfolges. Der Ertragswert ist deshalb untrennbar mit der Person des Eigentümers verbunden. Wechseln aber die Eigentumsverhältnisse, kann der bisherige Ertragswert nicht ungeprüft auf zukünftige Erträge fortgeschrieben werden.Dies gilt z.B. bei Unternehmenskauf oder auch Erbschaft.

Kleine Unternehmen stellen sehr häufig die Existenzgrundlage für den Eigentümer und dessen Familie dar. Eine Unternehmensbewertung, die von einer reinen Kapitalanlage ausgeht, kann in bestimmten Fällen, den wahren Wert des Unternehmens nicht wiedergeben. Nicht immer ist Geld alleine ausschlaggebend, es gibt auch andere Kriterien. Noch dazu eignen sich die wenigsten KMU-Unternehmen als Kapitalanlage. Arbeitsleistung und Engagement des Inhabers und oft auch seiner Familie ist kaum durch angemessen bezahlte Angestellte zu ersetzen.

Die DCF-Methode scheitert zumeist an den fehlenden Planrechnungen. KMU-Unternehmen haben nur selten eine ernstzunehmende Unternehmensplanung und noch seltener eine ernstzunehmende Finanzplanung. Dies relativiert auch die Unternehmensbewertung nach Richtlinien von HWK und IDW. Die HWK spricht dieses Problem auch ganz explizit an.
Völlig unbrauchbar und praxisfremd sind fremderstellte Planrechnungen. Ein Beispiel dazu finden Sie in unseren -> Fallbeispielen

Substanzwert

Der Substanzwert berücksichtigt alle Vermögensgegenstände des Unternehmens zum aktuellen Verkehrswert, abzüglich aller Verbindlichkeiten. Dieser Wert ist vor allem dann von Interesse, wenn Grundstücke, Gebäude oder Maschinen zum Betriebsvermögen gehören. In solchen Fällen ist häufig die Firmenstruktur bereits in eine Betriebs- und in eine Besitzgesellschaft aufgeteilt.

In der Betriebsgesellschaft sind dann lediglich diejenigen Wirtschaftsgüter, die für das operative Tagesgeschäft erforderlich sind. Beispielsweise Büroausstattung, Computer, Firmenwagen und Ähnliches. In den meisten Fällen reicht eine Zeitwert-Schätzung auf Basis der Abschreibungslisten, um einen brauchbaren Substanzwert zu ermitteln.

Problematik Substanzwert

Es gibt viele Unternehmen und Branchen, in denen ein Substanzwert nicht erforderlich ist. Man denke nur an Software-Unternehmen oder Logistik-Firmen. Dann gibt es auch noch Unternehmen, deren Ausstattung keinen nennenswerten Zeitwert mehr hat. Manchmal auch Beides.

Mittelwert-Verfahren ( = Unternehmenswert)

Dies ist der Wert, der im Regelfall als „Unternehmenswert“ herangezogen werden kann. Der Mittelwert ist das arithmetische Mittel aus Ertragswert und Substanzwert. Dieser Mittelwert kann auch gewichtet werden, wenn dies für die Art des Unternehmens angemessen oder erforderlich ist.

So benötigt z.B. ein reines Dienstleistungs-Unternehmen nur eine geringe Substanz im Vergleich zu einem Produktionsbetrieb. Hier ist in erster Linie der Ertragswert zu betrachten. Ein ungewichteter Mittelwert würde den Ertragswert halbieren und das Unternehmen möglicherweise völlig unterbewerten.

Die Gewichtung berücksichtigt, wie wichtig Unternehmenssubstanz und Anlagegüter für das Unternehmen sind. So wird ein ausgewogener Unternehmenswert berechnet.

Gelegentlich wird für den Mittelwert fälschlicherweise der Begriff „Stuttgarter Verfahren“ verwendet. Dies ist jedoch eine völlig andere Methode.

Stuttgarter Verfahren

Das Stuttgarter Verfahren ist ein von der deutschen Finanzverwaltung verwendetes Bewertungsverfahren für Kapitalgesellschaften. Es ermittelt den Unternehmenswert indem Vermögen und der Durchschnitts-Ertrag der letzten 3 Jahre in Relation zum Nennkapital gesetzt werden. Nach einer bestimmten Formel (Vermögen in %+5xErtrag in % davon 68%) wird eine Relation zum Nennkapital errechnet, die den Unternehmenswert darstellen soll. Dieses Verfahren ist dem Namen nach relativ bekannt, wird in der Finanzverwaltung und Justiz häufig angewendet, es ist jedoch kaum praxisgerecht und ergibt selten einen realistischen Unternehmenswert.

Achtung Vorsicht!

Das Stuttgarter Verfahren war lange Zeit bei Juristen und Behörden eine Art Standard. Mittlerweile hat sich auch dort die Erkenntnis durchgesetzt, das diese Verfahren unbrauchbar ist. Seit 1.1. 2009 ist dieses Verfahren aus dem „Erbschaftssteuerreformgesetz“ verschwunden. Bereits 2006 hat das Bundesverfassungsgericht festgestellt, das Stuttgarter Verfahren beruhe auf „realitätsfernen Ausgangsparametern und verfehle regelmässig das Ziel einer angemessenen Bewertung“

Dringende Empfehlung:

In vielen älteren Verträgen, ganz besonders in Gesellschaftsverträgen ist das Stuttgarter-Verfahren als Bewertungsverfahren für Anteile und Abfindungen festgeschrieben. Diese Verträge sind unbedingt zu aktualisieren.

Im Ernstfall ist eine derartige Klausel unwirksam, wenn dies zu einem Wert weit unterhalb des Verkehrswertes liegt.

Im Zweifelsfall empfehlen wir sicherheitshalber eine vergleichende Unternehmensbewertung durchführen zu lassen.

Wiener Verfahren

Ist das österreichische Pendant zum Stuttgarter Verfahren, eben von den österreichischen Finanzbehörden entwickelt. Es ist für die Wirtschaftspraxis ebenfalls unbrauchbar.

Firmenwert

Landläufig wird Firmenwert als Synonym für den Unternehmenswert verwendet. Als definierter Fachbegriff gibt der Firmenwert die Höhe der immateriellen Werte des Unternehmens an. Der Firmenwert errechnet sich klassisch aus dem Ertragswert abzüglich des Substanzwertes. In der Praxis können noch weitere Faktoren wertmässig angesetzt werden, beispielsweise eine Marke.

Liquidationswert

Der Liquidationswert gibt an, welcher Betrag erzielt werden kann, wenn das Unternehmen aufgelöst wird. Vereinfacht ausgedrückt sind dies sämtliche Bankkonten, Bargeld, offene Forderungen. Dazu kommt die Verwertung von Lagerbeständen. Davon abgezogen werden offene Verbindlichkeiten und Liquidationskosten. Dieser Wert sollte die absolute Wertuntergrenze für jedes Unternehmen darstellen.

Dieser Ansatz des Liquidationswertes als schnelle Momentaufnahme durchaus geeignet. Dieser Unternehmenswert lässt sich relativ einfache ermitteln und zeigt die tatsächliche Finanz- und Vermögens-Situation des Unternehmens zum Stichtag.

Für den Liquidationswert haben wir eine Methode zur Ermittlung des Liquidations-Status entwickelt. Dieser Wert wurde in der Praxis oft und erfolgreich in zeitkritischen Sanierungs-Situationen eingesetzt und hat sich bewährt.

Besonders beim Kauf von Krisen-Unternehmen oder bei fraglicher Unternehmens-Weiterführung enthält diese kurze knackige Information die entscheidenden Faktoren. Dem cleveren Praktiker erspart diese Form der Unternehmensbewertung viele aufwendige betriebswirtschaftliche Analysen.

Unsicherheitsfaktoren:

Die Verwertungserlöse hängen in starkem Maße von der verfügbaren Zeit ab. Ebenso sind die Liquidationskosten selbst nur bedingt einschätzbar oder haben einen Entscheidungs-Spielraum.

Due Diligence

Speziell beim Kauf und Verkauf von Unternehmen – auch Mergers and Akquisition, kurz M&A genannt – hat sich ein Prüfungs-Verfahren etabliert, das als „Due Diligence“ bekannt ist. Der Begriff heisst wörtlich übersetzt „Besondere Sorgfalt“. Dies kommt aus dem Angelsächsischen, wo Kauf und Verkauf von Unternehmen weitaus gebräuchlicher ist, als im deutschsprachigen Raum.

Hierbei wird das zu kaufende Unternehmen „besonders sorgfältig“ in allen denkbaren Bereichen geprüft. Dazu gehören beispielsweise Gesellschaftsstruktur, Management, Patente und Schutzrechte, Verträge, Mitarbeiter, Rentenvereinbarungen, Steuersituation, Kundenstamm, Marktposition, Zukunftsaussichten, um nur einige zu nennen.

Eine Due Diligence geht weit über eine normale Unternehmensbewertung hinaus und kann je nach Grösse des Unternehmens bis zu 6 Monaten dauern.

Marktwert

Der Markt für Unternehmen heisst ‚Börse‘. Der Wert des einzelnen Anteils ist der Kurs. Der Marktwert des Unternehmens ist die Anzahl der Aktien mal dem Kurs.

Börsen gibt es viele, grosse und kleine, bekannt und weniger bekannt. Die Frankfurter Börse kennen die meisten, dass es auch eine Münchner Börse gibt wissen weniger. Deutsche Börse, Londoner Börse, NYSE, NASDAQ sind die Bekanntesten.. Daneben gibt es auch einen „Nichtbörsen-Handel, wie z.B. OTC, für den es ebenfalls Kurse gibt. OTC ist die Abkürzung für „Over-The-Counter“ also „über den Schalter“ und eben nicht über die Börse. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der aktuelle Marktwert eines Unternehmens kann jederzeit und eindeutig nur bei börsennotierten Aktiengesellschaften ermittelt werden. Der Kurswert der Aktien mal deren Anzahl gibt den Marktwert an. Allerdings ist der Marktwert selten der tatsächliche Wert des Unternehmens. Hier spielen noch viele andere Faktoren mit. Darauf einzugehen würde hier zu weit führen

Aber wir wollen hier von kleinen und mittleren Unternehmen, die notieren selten an der Börse. Bei nicht-börsennotierten Unternehmen ergibt sich der Marktwert des Unternehmens, nur durch den tatsächlich erzielten Preis bei realisiertem Verkauf. Hier spielen subjektive und individuelle Wertbestandteile eine grosse Rolle.

Der Marktwert ergibt sich einzig und allein aus Angebot und Nachfrage. Er kann gelegentlich völlig unabhängig von unternehmensbezogenen Kriterien sein.